Die Stärke eines Revolutionärs liegt in seiner moralischen Kraft - Alvaro García Linera - Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft

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Lateinamerika allgemein
García Linera:

Die Stärke eines Revolutionärs liegt in seiner moralischen Kraft
Página12_ Buenos Aires                von Martín Granovsky     28. August 2016
García Linera weilte in Buenos Aires, um auf der von der Stiftung Germán Abdala organisierten Konferenz eine Rede halten. Auf der Konferenz wurde er mit dem Rodolfo-Walsh-Preis geehrt.
Imagen: Sandra Cartasso
In dem von Martín Granovsky geführten Interview beleuchtet García Linera die Hauptthemen der derzeit in Südamerika laufenden Diskussion.
Es ist kein guter Augenblick in Lateinamerika, denn es gibt eine zeitweilige Rückeroberung der Rechten, sagt der Vizepräsident. Die Rechte übernimmt gerade deswegen die Regierung, um Ausgaben zu kürzen, um Rechte einzuschränken, um das Eingreifen des Staates zurückzudrängen und um zu gestatten, dass alle diese Ressourcen in den nationalen oder internationalen Privatsektor fließen. Die Gesellschaft, die dabei ist, mehr oder weniger würdige Lebensbedingungen zu erreichen, zieht sich jetzt auf Situationen wie Missbrauch, Arbeitslosigkeit und Ausbeutung zurück. Aber gleichzeitig ist es ein herausfordernder Moment, denn er zwingt dazu, dass die Gesellschaft, die unteren Schichten, die plebejischen Klassen erneut die Fähigkeit zur Organisation zu erlangen. Niemand mobilisiert sich andauernd. Es gibt keine ständige Revolution.

Wie enden die Rückzugsperioden?

Grundsätzlich handelt es sich um Organisation; auch um einen Horizont. Eine Kombination des Mobilisierungsgedankens mit der Kraft, die diesen Gedanken zu einer politischen Tatsache werden lässt, eine Tatsache, die Einfluss nimmt auf der staatlichen Bühne und die das Kräfteverhältnis kurz- und mittelfristig ändern kann. Das Wichtige dabe ist, dass die Generation, die heute dasteht, die Zeiten der Niederlage des Neoliberalismus erlebt hat, den zeitweisen Sieg der fortschrittlichen und revolutionären Regierungen erlebt hat und sich jetzt in diesem Zwischenstadium befindet. Sie hat demzufolge Kenntnis und die Erfahrung, die Initiative wieder zurückzugewinnen. Wenn wir das nicht machen, dann kann diese Periode der teilweisen Rückeroberung der Initiative durch die Rechte sich ausdehnen und auf weitere Länder Lateinamerikas übergreifen. Das wäre zweifelsohne eine Katastrophe. Wo sie siegreich ist, beschneidet die Rechte den Wohlstand. Die fortschrittlichen Regierungen waren soziale Regierungen und demzufolge ist der Rückschritt ein Zurücknehmen der sozialen Errungenschaften des Volkes. Aber darüber hinaus gibt es eine Verlangsamung, ein Einfrieren und in einigen Fällen ein Rückschritt in puncto einer Perspektive der kontinentalen Aktion. Zusammen mit dem Sozialen, hat der Kontinent in den zehn Jahren seit 2004 bis 2014/2015 den vorangeschrittensten Moment in der Integration und eines autonomen Kontinentalbetrachtungsweise durchgemacht. Das ist von außerordentlicher Bedeutung. Wenn wir nicht die Fähigkeit haben, uns aus kontinentaler Sicht zu betrachten, dann wird jedes einzelne Land für sich im weltweiten Kontext Beute der Interventionen, der Einflussnahme und der Manipulationen der mächtigsten Länder der Welt werden. Das ist eine Frage des Kräfteverhältnisses, keine Frage der Moral.

Ich greife einen Satz aus der Botschaft nach der Preisverleihung auf. “Die Revolution vollzieht sich wellenförmig, nicht in Zyklen”. Worin besteht der Unterschied?

Wenn Du von Zyklus sprichst, dann bedeutet das, dass alles einen Anfang hat, eine Stabilisierung und ein Ende. Das ist etwas Natürliches wie das Gesetz der Schwerkraft. Du kannst machen, was du willst, ob du nun protestierst oder dich mobilisierst, dann wird das so sein von jetzt an und 50 Jahre lang, bis ein anderer Zyklus eintritt. Das ist ein Blickwinkel, der dem Menschen seine Aktivität entreißt, der die Rolle der kollektiven Subjektivität bei der Herstellung sozialer Tatsachen außer Acht lässt. Das ist falsch. Das ist dieselbe Logik wie die vom Ende der Geschichte bei Fukuyama. Die Klassen wären verschwunden, wir alle wären Unternehmer und man müsste sich in die Schlange einreihen nach dem, was dann bereits der Höhepunkt menschlicher Entwicklung gewesen wäre. Aber es hat sich gezeigt, dass es nicht so ist. Es traten auf allen Seiten soziale Klassen auf, Kämpfe, Organisationen, Jugendliche, Leute, die erst die Plätze im Sturm besetzten und danach die Paläste. Angesichts dessen fordern wir eine Logik des Flusses ein, der Wellenbewegung, was ein bisschen die Erfahrung ist, die man im Leben macht. Die Veränderungen vollziehen sich wellenförmig. Die Leute verbinden sich, vereinigen sich, schaffen einen Gemeinschaftssinn, haben kraftvolle Ideen, werden zu einem universellen Wesen, d.h. ein Wesen, das für alle kämpft. Es erreicht Rechte, Abkommen, einen Staat, Politik. Aber danach geht es zum Alltagsleben über. Es kann nicht alle Tage auf einer Versammlung sein. Du musst danach schauen, was mit deinem Sohn passiert, mit dem Kredit fürs Haus. Es kommt zu einem Rücklauf. Aber danach, eher früher als später, kann eine neue Strömung einsetzen. Wann wird diese Strömung kommen? Das wissen wir nicht. Das ist durch kein soziologisches Gesetz geregelt.

Es ist nicht vorbestimmt.

Unter anderem hängt es davon ab, was du heute in deinem Wohngebiet machen kannst, in deiner Universität, in deinem Kommunikationsmedium, in deinem Gedicht oder in deinem Theater, um den gesunden Menschenverstand zum Ausdruck zu bringen, um die Ideen der Gemeinschaft oder des Gemeinschaftlichen. Wenn sich das in irgendeinem Moment durch etwas nicht Vorhergesehenes mit anderen gemeinschaftlichen Initiativen ausdrückt, dann kann es zu einer neuen Strömung kommen; in einer Woche, in einem Jahr, in zehn Jahren. Wichtig ist, dass du kämpfst und dich organisierst. Wenn dein Leben dafür nicht reicht, wird ein anderer folgen, der darauf aufbauen wird, was du gemacht hast, damit er dann möglicherweise sehen kann, dass es zu einem neuen Aufbruch kommt. So sind die Revolutionen. Also, wenn du die Geschichte als Aufbrüche betrachtest und nicht als Zyklen, forderst du erneut die Rolle des Subjekts ein, der Person, der Subjektivität, die nicht eine Welt erfindet, so wie es ihr gerade gefällt, sondern die hilft, eine Welt zu errichten. Mir gefällt Sartres Satz: “Einer macht die Welt in demselben Maße in dem die Welt einen macht”. (Der Mensch ist nichts anderes, als was er selbst aus sich macht.) Es bedeutet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert.“)
Welches sind die wichtigsten Schlüsselelemente der bolivianischen Welle, wäre zuerst der Staat und dann, ab 2006 mit Evo Morales als Präsident, innerhalb des Staates?

Der erste Schlüssel ist, dass jeglichem politischen Sieg ein kultureller Sieg vorausgeht, der sich in verschiedenen Sphären der öffentlichen Meinung erarbeitet und sich profiliert hat: Massenmedien, Zeitschriften, Universitäten, Gewerkschaften, Berufsvereinigungen, Wohngebiete. Es gab ein gemeinsames Empfinden, das sich der Personen bemächtigte, auf der Grundlage der Idee der Souveränität, der Gleichheit der Völker. Die Leute kommen nicht nur in Bewegung, weil sie leiden. Sie mobilisieren sich, wenn sie leiden und glauben, dass durch die Mobilisierung ihr Leiden verändert werden kann. Ohne Horizont gibt es keine Ausdrucksfähigkeit. Das ist nicht einfach, wie einige trotzkistische Gefährten sagten, dass in erbarmenswerten Lebensbedingungen die Leute rebellieren. Das stimmt nicht. Oftmals gewöhnt man sich an die Herrschafts-verhältnisse und die Armut.

Das ist die erste Lehre.
Die zweite besteht darin, dass jeder revolutionäre Prozess sich bezüglich der demokratischen Beteiligung der Leute tragen und sich neu erfinden muss. Das ist nicht leicht, denn die Leute mobilisieren sich und danach ziehen sie sich zurück. Es ist leicht, dass wir, die Regierenden, bei diesem Rückzug uns wie historische Demiurgen aufführen. Wenn du nicht innovative Methoden bei der Entscheidungsfindung und bei der Beteiligung eingebracht hast, dann wirst du dich mit Problemen umgeben sehen und und wirst mit der Regierung allein bleiben. Klar, weil du sie zuvor allein gelassen hast. Das ist keine Schande, es ist das Ergebnis deines Tuns. Ohne ein korpuskulares Netzwerk demokratischer Beteiligung bleibt eine revolutionäre Regierung ohne Basis und driftet ab.

Und das dritte Schlüsselelement?

Das ist die Wirtschaftsführung. In der letzten Zeit habe ich viel über Lenin und seine NÖP, die Neue Wirtschaftspolitik, nachgedacht. Wenn die Bolschewiki nicht dazu in der Lage waren, den Notwendigkeiten des Hungers und der Stabilisierung Genüge zu tun, hätten all die anderen Erfahrungen wie der Kriegskommunismus, die Abschaffung des Geldes und die ultraradikale Besetzung der Fabriken nichts bedeutet. Lenin selbst sagte: das einzige Sozialistische, was wir haben, ist nur der Wille, Sozialisten zu sein. Die Sorge, die sich Lenin um die wirtschaftliche Stabilität, um das Verhältnis zwischen Bauernschaft und Arbeiterschaft im Verhältnis zu Fortschritten in der Wirtschaft machte, war sehr ausgeprägt. Wenn jemand außerhalb der Regierung sich befindet, schätzt er die Organisation und den Diskurs. In der Regierung, wenn du da bei der Wirtschaftslenkung versagst, bricht alles zusammen, denn dann kommt die Rechte und hält dir vor: Ich kann die Wirtschaft besser verwalten, ich habe sie immer verwaltet, ich habe die Unternehmen um dir zu zeigen, wozu ich in der Lage bin. Ich glaube, dass ein Teil der Probleme, mit denen wir fortschrittlichen Regierungen gegenwärtig in Lateinamerika konfrontiert sind, darin besteht, dass wir nicht die Kommandoposten in der Wirtschaft eingenommen haben und weiterhin das Kommando beim Diskurs und der Organisation ausgeübt haben. Wenn das nicht geschieht, dann wird ein Nährboden für die Rückkehr der konservativen Kräfte geschaffen, die dir dann erzählen werden, dass sie alles lösen könnten. Aber sie werden keine Lösungen herbeiführen!

Wie sollte die Wirtschaft gelenkt werden, wenn es eine weltweite Krise gibt und die Rohstoffpreise sinken?

Jedes Land hat seine eigene Dynamik, aber etwas, was wir gelernt haben, ist, nicht völlig auf den Außenmarkt zu vertrauen, sondern auch der eigene Binnenmarkt muss bearbeitet werden. Heutzutage ist der Export von Erdöl, Erzen und Erdgas negativ. Also, wie kann die Wirtschaft wachsen? Denn parallel haben wir auch auf andere Körbe gesetzt. Die Beseitigung der extremen Armut und der sonstigen Armut ist nicht nur eine Sache der Gerechtigkeit - das muss schon so sein, denn wenn nicht, warum wärst du dann an der Regierung -, sondern auch der Wirtschaftsdynamik. Du erhöhst die Kaufkraft der Gesellschaft, und im Fall Bolivien – deshalb sage ich ja, es hängt von jedem Land ab – wo die Leute ca. 50-55 Prozent ihres Gehalts für Lebensmittel ausgeben, förderst du damit die bäuerliche Wirtschaft, die Dienstleistungswirtschaft des Binnenmarktes. Das war eine sehr weise Entscheidung von Evo Morales. 2008 betrug der Erdölpreis 130 Dollar, und jetzt im laufenden Jahr beträgt er 30 Dollar pro Barrel. Ein Absturz von 130 auf 30. Das war ein harter Schlag für uns, aber Evo kommt aus einer sehr vorausschauenden bäuerlichen Kultur. Da im Andenhochland Trockenheit und Haugelschauer auftreten, gibt es dort auf den Feldern keine ausgedehnten Anbaukulturen. Hier lässt du was liegen, dort baust du was an, lässt hier was liegen, baust dort etwas an. Diese sehr andine bäuerliche Logik, sich auf unterschiedlichen ökologischen Ebenen zu bewegen, ist das, was Evo in der Regierungstätigkeit angewendet hat. Stürzen wir uns also aufs Gas. Gut, lasst uns mehr Gas fördern, ausgezeichnet. Aber wenn das scheitert? Dann wenden wir uns der Stromerzeugung zu, der Landwirtschaft, dem Lithium. So diversifizierst du. Das ist es, was dazu geführt hat, dass wir jetzt, wo wir an der Regierung sind, ein Wirtschaftswachstum von 4,2 % bis 5 % aufweisen. Damit nehmen wir es mit Peru mit einer absolut freien Marktwirtschaft auf, mit einem Land, das unter der Kontrolle chilenischer und anderer ausländischer Unternehmer steht und Zugang zum Meer hat. Wenn wir einen Zugang zum Meer hätten, würde unser Wachstum sogar noch 2 % höher sein. D.h., unser Wachstum könnte, laut Weltbank, 6,4 % betragen. Und was die "ökologischen Ebenen" anbelangt, wenn wir erst einmal diese Etappe der Konsumerweiterung der ärmsten Klassen überwunden haben, dann hast du bereits andere funktionierende Antriebsquellen: elektrische Energie, Lithium und die Industrialisierung der Landwirtschaft. Dann kannst du in der Art an die nächsten folgenden 10 oder 15 Jahre mit einem Wachstum denken, das sich zwischen 4 % und 6 % bewegen wird. Ob der Erdölpreis nun 100 Dollar beträgt oder 25 Dollar, du wirst dich in diesen Sphären bewegen. Das hat etwas mit der Planungsfähigkeit zu tun und damit, wie du die Wirtschaft nach bäuerlichen Kriterien zu handhaben weißt. Unser Präsident ist sehr sparsam, sehr vorausschauend. Er hat immer etwas in Reserve, er geht kein Risiko ein. Wir sind das lateinamerikanische Land , das im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt die größten internationalen Devisenreserven aufweist, nämlich 50 %.

In allen lateinamerikanischen Ländern wird über die Korruption diskutiert. Was hat die bolivianische Regierung dagegen unternommen, und zwar nicht mit realitätsfernen Reden, sondern wirklich gegen die eigene Korruption?

Jede reale Demokratisierung des Staates birgt immer das Risiko von Vereinnahmungsprozessen des Staates in sich. Der Staat funktioniert immer als Familienbesitz der herrschenden Klassen. Wie die Fortsetzung einer Familie. Das wird als normal angesehen: Teil der Meritokratie. Wenn man soziologisch in Bolivien untersucht, wie der Zugang zu den Verdiensten verteilt war, wird klar, dass sie definiert waren in Abhängigkeit von der Klassenzugehörigkeit und von deinem Familiennamen, aber man nennt es Meritokratie, die Herrschaft der Verdienstvollen. Die Leute lehnen sich dagegen auf, sie erheben sich, sagen, dass diese Form der Nutzung des Gemeinguts zugunsten von Privaten unwürdig ist. Der Neoliberalismus ist das Paradigma der Vereinnahmung des Staates, denn das bedeutet, dass an sich gerissen wird, was allen gehört, um es für deine Kumpel zu nutzen. Noch besser, wenn es dein Schwager oder deine Ehefrau ist, der bzw. die einige befreundete Aktionäre im Ausland hat. Wenn dann die Zivilgesellschaft kommt und in die Armee des Staates einbricht, so macht sie das in Abhängigkeit von universellen Projekten, aber danach wird sie zum Beamten. Es ist der Gewerkschaftsführer, der zum Beamten wird, es ist der Mitkämpfer, der dann als Minister oder Abgeordneter auftritt. In diesem Moment lässt er seine gesellschaftliche Kontrolle hinter sich und betritt den staatlichen Bereich. Es ist zwar nicht normal, aber höchst wahrscheinlich, dass er dann in diesem Bereich das zu wiederholen sucht, wenn zum ersten Mal in 20 Generationen jemand aus seiner Familie es schafft, dorthin zu gelangen, und dann sagt, wenn er seiner gesellschaftlichen Kontrolle ledig geworden ist: "Niemals mehr wird jemand aus meiner Familie dort sein, wo er jetzt ist, und wenn ich nur ein bisschen an mich nehme, mache ich mir nur ein bisschen zunutze." Es ist nicht selten, dass man auf diese Art von Argumentation stößt. Deshalb haben wir das einer soziologischen Analyse unterzogen. Politisch ist das eine Katastrophe, denn das kann einer Art Demokratisierung der Korruption den Weg öffnen. Es scheint ein Prozess zu sein, der alle Revolutionen begleitet, ich weiß jetzt nicht genau, wie das in Russland war, ich habe nicht genau in Erinnerung, wie das in China war oder was in Kuba passierte. Nach der Erfahrung, die ich in Bolivien mache, und gemäß dem Verhalten der Leute, ist es der Bauer, ist es der kämpferische Arbeiterführer, der gewöhnt ist, die größten Opfer zu bringen, der von einem Tag zum anderen plötzlich Minister ist, dem 500 Beamte unterstehen, und der Entscheidungen über 500 Millionen Dollar für Programme treffen muss. Er denkt dann: "Und wenn ich den Auftrag meinem Schwager zuschanze?" So beginnt die Mikrokorruption. Die Frage lautet: "Was machst du da?"
Dem menschlichen Wesen zuschreiben.

Ja, dem menschlichen Wesen und der historischen Entschädigung. Aber das darfst du nicht tun. Warum? Nicht nur, weil es laut Gesetz ein krimineller Tatbestand ist, sondern weil das deine Moral zerfrisst. Und die einzige Kraft, die einer hat, wenn er von unten kommt, ist seine moralische Kraft. Evo und die Gewerkschaften haben kein Geld, haben keine ausländischen Sponsoren. Ihre Moral hat sie zu dem Kern werden lassen, der eine Epoche symbolisiert und einen kollektiven Willen zur Veränderung. Also, wenn du dich nachgiebig zeigst, verlierst du deine moralische Kraft. Wir mussten einige sehr heftige Entscheidungen treffen, die so von keiner anderen Regierung in Lateinamerika getroffen worden sind, ganz zu schweigen von Rechtsregierungen. Wir mussten den Parteivorsitzenden Santos Ramírez ins Gefängnis werfen. Er war der zweite Mann nach Evo Morales.

–… und Präsident des staatlichen Erdöl- und Erdgasunternehmens Yacimientos Petrolíferos Fiscales de Bolivia.

Ja. Wir mussten auch zwei ehemalige Ministerinnen ins Gefängnis werfen, zwei ehemalige Ministerinnen, die wunderbare Kampfgefährten gewesen waren, bei denen wir sicher sind, dass sie sich nicht einen einzigen Centavo privat angeeignet haben, aber sie ließen Nachlässigkeiten beim Umgang mit Geld zu. Sie unbestechlich, aber zu nachlässig. In welchem lateinamerikanischen Land sind während einer Regierungsamtszeit Ex-Minister ins Gefängnis gekommen? Der Ex-Bürgermeister der zweitwichtigsten Stadt Boliviens, El Alto, sitzt im Gefängnis. Wenn wir das nicht machen, laufen wir Gefahr, das Einzige zu verlieren, was ein revolutionärer Prozess hat, nämlich seine moralische Kraft. Es ist sehr schmerzhaft gewesen und ist eine Lehre gewesen. Wir sind auf das gestoßen, was vor sich ging, dass es seitens der Mitstreiter keine ausreichende Kontrolle gab, und dass es diese Art des Zulassens war, die darauf beruhte, dass es sich ja um unsere Mitstreiter handelt, was sie fordern, ist nur wenig Geld, ich halte hier kein Plädoyer, aber mit diesen Nachlässigkeiten riskierst du deine eigene Moral. Wenn du nicht auf entsprechend hart agierst, indem du dir selber Schläge austeilst, denn es handelt sich ja um deine eigenen Leute, dann gehst du gesellschaftlich deiner moralischen Kraft verlustig, die dich aufrechthält. Gestern wurden die neuesten Umfrageergebnisse veröffentlicht, und angesichts all dessen, was ihm vorgeworfen wurde, sei es der Indigenenfonds, sei es die Korruption unter den Anführern der Indigenen, sei es die Sache mit seinem angeblichen Sohn, hat Evo in den größten Städten des Landes eine Zustimmung von 54 %. Die Lehre, so sehr sie auch schmerzen mag, besteht darin, dass du den Mut und die Kraft haben musst, dir den infizierten Finger bzw. die infizierte Hand abzuschneiden. Wenn andere dir das abschneiden, werden sie dir das Messer ins Herz stoßen, und davon wirst du dich nicht einmal innerhalb einer Generation erholen. Wenn du, um das zu hüten, was dir gehört, einen Teil von deinem Körper, fahrlässig mit dem umgehst, was in deinem Körper verfault, werden andere kommen, um dir ein Ende zu bereiten, oder der Fäulnisprozess wird deinen eigenen Körper erfassen, und dann bist du verloren. Unsere Stärke erwächst aus der moralischen Realität. Du musst sie gut zu pflegen wissen, und wenn du sie nicht pflegst, so betone das nicht und verweise nicht ständig darauf, die Rechte wird dir mit all jener moralinsauren Politik kommen und sie dir ins Gesicht schmettern: "Diese schrecklichen Indigenen haben 5.000 Dollar geraubt, die einen sind unfähig, die anderen sind Räuber". Sie raubten 20, 40 oder 100 Millionen Dollar, und niemand sagte etwas, aber wenn 5.000 oder 100.000 verschwinden, ereifern sie sich. Das ist nun mal so, das ist Teil des Kampfes. Hier kann keiner mit dem Finger auf dich zeigen und sagen, du hast dir einen Dollar angeeignet, sie können nicht sagen, dass du weder einen halben Dollar, noch einen halben Boliviano, noch einen halben argentinischen Peso beiseite geschafft hast. Wenn das vorkommt, dann wirst du verlieren, denn dann wird die ganze moralisierende Meute der Gesellschaft über dich herfallen, um dich zu diskreditieren. Und wenn du moralisch verlierst, hast du generationenweise verloren. Die schlimmste Niederlage eines Revolutionärs ist die moralische Niederlage. Du kannst Wahlen verlieren, du kannst militärisch verlieren, du kannst dein Leben verlieren, aber deine Prinzipien und deine Glaubwürdigkeit bleiben erhalten. Wenn du der Moral verlustig gehst, wirst du nicht wieder hochkommen, es wird eine andere Generation sein, es wird ein anderer Führer sein, der sich wird erheben können. Man muss auf der Hut sein. So wie bei der staatlichen Lenkung die Wirtschaft das Grundlegende ist, so ist deine moralische Stärke das Grundlegende bei der Bewahrung deiner Führerschaft. Du darfst niemals zulassen, dass man dir deine moralische Kräft schwächt, denn auch davon wirst du dich nicht erholen.
martin.granovsky@gmail.com                                                                                                                                                                                                        Übersetzung: Gerhard Mertschenk
 
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