Gedanken zum 12. Oktober - Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft

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Lateinamerika allgemein

 
 
Überlegungen zum 12. Oktober
 

Kaum ein anderes Datum hat so unterschiedliche Interpretationen, Deutungen und Inhaltsveränderungen erlebt wie der 12. Oktober 1492. Es versinnbildlicht die anhaltende euro­zentristische Sichtweise und damit unterschwellig das Überlegenheitsgefühl der Europäer bzw. der »weißen Rasse«.

 
Arrogante Tradition
 
Jahrhunderte lang wurde der 12. Oktober als Tag der Entdeckung Amerikas gefeiert. Ko­lumbus setzte damals seinen Fuß auf eine von den Eingeborenen Guanahani genannte In­sel, die er in San Salvador umbenannte. Dass es sich um ein Stück eines der europäischen Zivilisation unbekannten Erdteils handelte, blieb Kolumbus bis zu seinem Tode verborgen. Er glaubte, an die Ostküste Asiens gelangt zu sein. 1507 erschien eine Weltkarte des Freiburger Kartographen Martin Waldseemüller, auf der die Bezeichnung Amerika für den den Europäern bis dato unbekannten Kontinent auftauchte, weil sein Kollege, der Dichter Matthias Ringmann, Amerigo Vespuccis Reiseberichte gelesen hatte und diesen fälschlicherweise für den Entdecker der neuen Welt hielt. Mit dieser Benennung wurde die arro­gante Tradition fortgesetzt, die von den Eingeborenen benutzten Bezeichnungen durch eu­ropäische Namen zu ersetzen. Die Bewohner des nördlichen Südamerikas nannten ihren Kontinent Abya Yala, aber das interessierte die europäischen Eroberer ebenso wenig wie andere Kulturgüter, die im Zuge der als Christianisierung verbrämten Eroberung gnadenlos als Teufelszeug vernichtet wurden. In letzter Zeit wird die Bezeichnung Abya Yala (aus der Kuna-Sprache übersetzt bedeutet es »Land in voller Reife« beziehungsweise »Land des lebensnotwendigen Blutes«) wieder von den Lateinamerikanern benutzt, die sich von der eu­ropäischen Bezeichnung und Bevormundung durch die Europäer absetzen wollen.
 
In der alten Welt wurde der 12. Oktober zu einem Symbol für die Überlegenheit der weißen Europäer über die minderwertigen »Rassen« anderer Hautfarbe. Die spanischen Eroberer bestritten sogar deren Menschsein, da sie als Heiden, als Nichtchristen keine Seele hätten.

 
Gegen Vereinnahmung durch die Idee der »Hispanität«
 
Anfang des 20. Jhdt. kam der ehemalige spanische Minister Faustino Rodríguez-San Pedro auf die Idee, den 12. Oktober als »Día de la Raza« (Tag der Rasse) im gesamten iberoamerikanischen Bereich zu begehen. Spanien als ehemalige Kolonialmacht ging voran und feierte ab 1914 den »Tag der Rasse«. Damit waren aber mitnichten die eingeborenen Völker gemeint, sondern das Entstehen der neuen »Rasse«, der Mestizen, also der Nachkommen aus Verbindungen zwischen Indigenen und Spaniern. Da die lateinamerikanischen Nationalstaaten, die aus den ehemaligen spanischen Kolonien hervorgegangen waren, überwiegend von eben diesen Mestizen regiert wurden, versäumten sie es nicht, auch in ihren Ländern diesen Tag als Feiertag einzuführen:
 
In Spanien wurde der »Tag der Rasse« bis 1957 als nationaler Feiertag begangen. 1958 – während der Franco-Diktatur – wurde er in »Día de la Hispanidad« (Tag der Hispanität) umbenannt. Diese Konzentration auf Iberoamerika bedeutete zugleich eine gewisse Abkehr von Europa, die durch die so genannte leyenda negra (Schwarze Legende) über die Besetzung Spaniens durch die Mauren weiter verstärkt wurde. Die Idee von der Hispanität ging einher mit einer Spanien verherrlichenden Lehre von der Größe und Auserwähltheit des Landes. So beging man diesen Tag bis 1987. Heutzutage wird der 12. Oktober als spanischer Nationalfeiertag ohne jegliche Zusatzbezeichnung begangen. Er ersetzt in dieser Funktion den »Tag der Nationalen Erhebung«, der von Franco in Erinnerung an seinen Putsch am 18. Juli 1936 zum Nationalfeiertag erklärt worden war und als solcher bis zum Ende der Franco-Diktatur begangen wurde.
 
In Lateinamerika wurde man sich der Vereinnahmung durch Spanien mittels der Hispanität immer mehr bewusst. Das spiegelt sich in den einzelnen Ländern entsprechend dem Bewusstseinsstand und dem Anteil der indigenen Bevölkerung sehr unterschiedlich wider.
 
In Argentinien bis 2007 »Tag der Rasse«, 2007 bis 2010 »Tag der kulturellen amerikani­schen Diversität«, seit 2010 »Tag des Respekts der kulturellen Diversität«.
 
In Bolivien heißt er nach einer früheren Umbenennung in »Tag der Befreiung, der Identität und der Interkulturalität« seit 2011 »Tag der Entkolonisierung«.
 
In Chile wird der 12. Oktober seit 2000 als »Tag des Treffens zweier Welten« begangen.
 
In Costa Rica ab 1968 »Tag der Entdeckung und der Rasse«, seit 1994 »Tag der Kulturen«.
 
In der Dominikanischen Republik hat er zwei Bezeichnungen: »Tag der Identität und kulturellen Diversität« und »Tag des Treffens zweier Welten«.
 
In Ecuador seit 2011 »Tag der Interkulturalität und der Plurinationalität«.
 
In Nicaragua bis 2007 »Tag der Hispanität«, seit 2008 »Tag des indigenen Widerstandes«.
 
In Peru seit 2009 »Tag der originären Völker und des interkulturellen Dialogs«.
 
In Uruguay »Tag der (beiden) Amerikas«.
 
In Venezuela seit 2002 »Tag des indigenen Widerstandes«.
 
Honduras, Kolumbien und Mexiko begehen den 12. Oktober weiterhin als »Tag der Rasse«.
 
Kuba stellt einen Sonderfall dar. Der 12. Oktober wurde eigenartigerweise dort nie gefei­ert. Vielleicht liegt das daran, dass Kuba erst 1898 seine Unabhängigkeit gegen Spanien erkämpfte, also nur wenige Jahre vor der Einrichtung des »Tages der Rasse«, so dass es kein Verlangen gab, einen Feiertag von der verhassten ehemaligen Kolonialmacht zu übernehmen. Zudem war man zu sehr auf die USA als Besatzungs- und »Schutz«macht orientiert. Auf Kuba wird der 12. Oktober durch das Gedenken an zwei andere Oktobertage überlagert, durch den 10. Oktober als Tag des Beginns des Befreiungskrieges gegen die spanische Kolonialmacht 1868 und durch den 20. Oktober, der seit 1980 als »Tag der kubanischen Kultur« in Erinnerung an das erstmalige Ertönen der Nationalhymne 1868 begangen wird. Zwischen diesen beiden wahrhaft nationalen Tagen geht der Tag der Entdeckung/Eroberung vollkommen unter.

 
Indigener Aufschwung mit staatlicher Unterstützung
 
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist in Lateinamerika ein verstärktes Bestreben zu ver­zeichnen, sich auf die eigene Geschichte zu besinnen. Gegenwärtig ist es noch immer in vielen lateinamerikanischen Ländern so, dass ein Abiturient mehr über die griechische Mythologie und das Altertum weiß als über die präkolumbische Geschichte und die originären Traditionen. Das ist der Übernahme europäischer Schulsysteme und Lehrinhalte geschuldet, was auch Ausdruck der Anerkennung und Hinnahme einer Überlegenheit der europäischen Geisteswelt ist. Dieser Aufschwung bei der Besinnung auf eigene Werte setzte vor allem mit der Regierungsübernahme von Mitte-Links-Regierungen in Venezuela, Argentinien, Bolivien, Ecuador und Nicaragua ein, die der politischen Unabhängigkeit eine wirtschaftliche Selbstständigkeit hinzufügen und damit eine wahrhaftige Unabhängigkeit ihrer Länder erreichen wollten. Damit sollen die Verdienste z.B. der Zapatisten in Mexiko, die bereits seit 1994 den Aufstand proben, und anderer Volksgruppen in verschiedenen Ländern nicht geschmälert werden. Aber mit den neuen Verfassungen in Venezuela, Bolivien und Ecuador, in denen die Rechte der Eingeborenen, der originären Völker, verankert wurden, erfuhren die Indigenen in den anderen Ländern eine starke öffentliche moralische und politische Unterstützung bei ihrem Kampf um ihre Rechte und gegen die Zerstörung ihrer Umwelt, die die Zerschlagung ihrer Kultur und Identität zur Folge hat. Da geht es um Widerstand gegen umweltzerstörende Großprojekte, die ohne Rücksicht auf die Lebensgewohnheiten der Indigenen mit Bestechung, Terror und Mord durchgeboxt werden, trotz der von vielen lateinamerikanischen Ländern ratifizierten Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation der UNO (ILO), der zufolge die betroffenen Eingeborenen befragt werden müssen. (Die BRD hat diese Konvention nicht ratifiziert, weil die Regierung be­fürchtet, die Sorben könnten als nationale Minderheit eingestuft werden und sich dann auf diese Konvention bei ihrem Kampf gegen Tagebauerweiterungen in der Lausitz berufen.) Diese Großprojekte – in ihrer Mehrzahl Staudämme und Megatagebaue – kommen nicht den betroffenen Anwohnern zugute, sondern dienen den Interessen internationaler Konzerne und der mit ihnen verbandelten herrschenden Oligarchien.

 
Das Kapital
 
Schon Karl Marx führte im 23. und 24. Kapitel des »Kapital« die Eroberung und Ausplünderung Amerikas als krasses Beispiel für die ursprüngliche Akkumulation an. »Der außerhalb Europas direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floß ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital.« »Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.«  (Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 23, »Das Kapital«, Bd. I, Siebenter Abschnitt, S. 741 – 791; Dietz Verlag, Berlin/DDR 1968)
 
Ohne diese ursprüngliche Akkumulation durch Ausplünderung anderer Nationen wäre die kapitalistische Entwicklung zum heutigen industrialisierten Europa nicht möglich gewesen und auch nicht die der USA, die – aus einer britischen Kolonie hervorgegangen – gegenüber Lateinamerika und den Ureinwohnern des nordamerikanischen Kontinents genau dasselbe Verhalten an den Tag legten und legen, wie es die europäischen Mächte bei der Eroberung Amerikas taten.
 
Aus heutiger Sicht kann der 12. Oktober 1492 durchaus auch als Beginn der Globalisie­rung angesehen werden. Die Globalisierung ist genau genommen eine Fortsetzung des Kolonialismus mit den Mitteln des technischen Fortschritts und neuer Handelsformen wie den sogenannten Freihandelsverträgen, die das Ziel haben, die Länder der so­genannten Dritten Welt in ökonomischer Abhängigkeit als Rohstofflieferanten zu halten und damit politisch erpressbar zu machen. Papst Franziskus urteilte im Juli 2015 bei sei­nem Bolivienbesuch über die »neuen Formen, den Kolonialismus auszuüben« mit den Worten, dass der Neokolonialismus »unterschiedliche Fassaden anwendet; manchmal ist es die anonyme Macht des Idols Geld: Kapitalgesellschaften, Pfandleiher, einige so genannte ›Freihandels‹verträge und die Auferlegung von Austeritätsmaßnahmen, in deren Folge immer die Werktätigen und die Armen den Gürtel enger schnallen müssen«.

 
Den Kampf gegen Ausbeutung auch global führen!
 
Zwar kommt es im Rahmen der Globalisierung auch zu einem gewissen kulturellen Aus­tausch, jedoch überwiegt bei weitem die massive Verbreitung westlicher Werte über die von großen Monopolen beherrschten Medien. Hugo Chávez drückte das wie folgt aus: »Die Globalisierung hat nicht die angebliche gegenseitige Abhängigkeit gebracht, sondern eine Verschärfung der Abhängigkeit. Weit davon entfernt, den Reichtum zu globalisieren, hat sich die Armut weiter ausgebreitet. Die Entwicklung wurde weder verallgemeinert, noch wurde sie geteilt. Ganz im Gegenteil, die Kluft zwischen dem Norden und dem Süden ist so gigantisch geworden, dass die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und der Blindheit derjenigen offensichtlich ist, die danach trachten, sie zu rechtfertigen, um weiterhin in Überfluss und Verschwendung zu schwelgen.« (teleSUR 12.10.2016)
 
Und genau gegen diese Globalisierung westlicher Art wehren sich die »entdeckten« Völker in Lateinamerika immer hör- und sichtbarer. In zunehmendem Maße besinnen sie sich auf ihre Traditionen, bekennen sich zu ihrer Geschichte, reklamieren ihre Rechte. In diesem Prozess ist mit einem Male von Völkerschaften die Rede, die vor einigen Jahren in der veröffentlichten Meinung kaum eine Rolle spielten, z.B. die Mapuche im Süden des südamerikanischen Kontinents, zu beiden Seiten der Grenze zwischen Argentinien und Chile.
 
Zu Chile ist anzumerken, dass die dort im Süden ansässigen Mapuche-Eingeborenen den spanischen Eroberern einen so heftigen Widerstand entgegensetzten, dass diese 1647 in einem Friedensvertrag den Fluss Bio Bio als Grenze akzeptierten, südlich derer die Mapuche mehr oder weniger unbehelligt von der Kolonialmacht blieben. Erst nach Erringung der Unabhängigkeit 1814 marschierte die Armee der neu gegründeten Republik in das Gebiet ein und unterwarf die Mapuche. Jetzt kämpfen auf beiden Seiten der Grenze die Mapuche um die Rückgabe ihres Landes und gegen Großprojekte.
 
Um die Vormachtstellung der internationalen Konzerne abzusichern, scheut man nicht vor Terror, Einschüchterung, der Ermordung und dem Verschwindenlassen von Aktivisten zurück (als Beispiele von vielen: Berta Cáceres in Honduras, Santiago Maldonado in Argentinien) – immer im Namen des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts westlicher Prägung. Aber viele der eingeborenen Völker wollen diese westliche Zivilisation nicht, sie möchten gemäß ihren Traditionen im Einklang mit der Natur und der Umwelt leben, diese nicht für den Wohlstand saturierter Bewohner der so genannten Ersten Welt opfern. Das bezieht sich nicht nur auf die Indigenen in Lateinamerika. Auch der Kampf der Sioux-Prärieindianer gegen den Bau einer Erdölleitung durch ihr Stammesgebiet in North Dakota ist in diesem Sinne einzuordnen.
 
In diesem Bewusstsein haben diese Völker begonnen, auch ihren Kampf zu »globalisieren«. Über bilaterale und lateinamerikanische Zusammenarbeit hinaus gab es bereits internationale Treffen wie das Welttreffen 2013 in Cochabamba/Bolivien, wo es nicht nur um Souveränität und ein würdiges Leben der Völker, um eine demokratischere und solidarische Gesellschaft im Einklang mit der Natur ging, sondern ganz gezielt die Ursachen angegangen wurden, die im kapitalistischen Ausbeutersystem verortet werden, und die Herrschaftsinstrumente wie NATO und Freihandelszonen angeprangert wurden.
 
Die Notwendigkeit übergreifender lateinamerikanischer Zusammenarbeit der indigenen Völker ergibt sich schon allein aus der Tatsache, dass viele originäre Ethnien durch willkürliche, den spanischen Kolonialinteressen geschuldete Grenzziehungen auseinandergerissen wurden. 2014 gab es in Lima einen alternativen Klimagipfel, auf dem 3.000 Vertreter von gesellschaftlichen Organisationen und indigenen Völkern in ihrem Abschlussdokument eine größere Verantwortung der Industrienationen gegenüber den Ländern des globalen Südens einforderten.
 
Im September 2015 konnte der bolivianische Präsident Evo Morales stolz den einstimmigen Beschluss der UNO-Vollversammlung verkünden, die uralten Prinzipien der indigenen Völker aus dem Hochland der Anden »Ama Sua« (sei kein Dieb), »Ama Llulla« (sei kein Lügner) und »Ama Quella« (sei kein Faulpelz) zu weltweiten Normen für eine effizientere öffentliche Amtsführung zu erklären.

 
»Nach 500 Jahren sind wir präsent!«
 
Von den indigenen Völkern werden das kapitalistische Ausbeutungssystem und die jetzi­gen Regierungsformen in Frage gestellt. Nachdem die Zapatisten ursprünglich erklärt hatten, nicht die Regierungsübernahme in Mexiko anzustreben, unterstützen sie derweil den von Indigenen aus allen mexikanischen Bundesstaaten gebildeten Nationalen Indigenen Regierungsrat (CIG). Als dessen Kandidatin wird die 53-jährige Nahua-Indigene María de Jesús Patricio Martínez bei den im nächsten Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen antreten. Im Falle eines Sieges, der allerdings sehr unwahrscheinlich ist, würde es mit ihr zum zweiten Mal (nach Benito Juárez im 19. Jhdt.) eine indigene Präsidentschaft geben. Das Regierungsprogramm spricht sich gegen Umweltzerstörung, Landraub und Marginalisierung aus.
 
Der 12. Oktober 2017 wird wieder eine Gelegenheit sein, über die Bedeutung und die Auswirkungen der Entdeckung Amerikas durch die Europäer nachzudenken. Da die mit der Entdeckung verbundene Eroberung einen schalen Beigeschmack hat, begann man auch in Europa nach einer neuen Bezeichnung zu suchen. Zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas 1992 sprach man bevorzugt von der Begegnung bzw. vom Zusammenstoß, vom Aufeinanderprallen zweier Kulturen, womit vornehm verschwiegen wurde, welche »Kultur« sich auf welche Art und Weise und zu welchem Preis durchsetzte.
 
Dagegen heißt es in der Erklärung des 3. kontinentalen Treffens der Kampagne »indiani­scher, schwarzer und Volkswiderstand« am 12. Oktober 1992 in Managua: »Wir Männer und Frauen der Völker und Nationen des großen Kontinents Abya Yala sind die Erben der ursprünglichen Zivilisationen, die die höchsten Stufen des Wissens und der kommunalen Organisation erreicht und die Flüsse, Pflanzen und Tiere in enger Harmonie mit dem Kosmos und unserer Mutter Erde domestiziert haben.  ….  Nach 500 Jahren sind wir präsent! Wir lehnen die Feiern der Kolonisatoren und ihrer Komplizen ab. Wir fordern unser Recht, über unsere Zukunft selbst zu bestimmen. Hier sind wir, um die Träger unserer Utopie zu ehren, die während der Invasion, der Kolonialzeit und während der Unabhängigkeit fielen und die heute noch im offenen Kampf gegen die neue Eroberung, ihre Götter, ihre Könige, ihre Monumente und die Schwarzseher fallen.  ….  Nach 500 Jahren sind wir hier präsent! Frauen und Männer entdecken unsere Wurzeln wieder, ohne Unterscheidung nach Hautfarbe, Sprache, Kulturen, Gebiets- und Ländergrenzen. Wir gewinnen das wieder, was uns gehört. Wir entwerfen ein neues Projekt gegenüber dem, das uns bedroht und angreift. Ein Projekt, das Elend und Leid ausschließt; mit dem unsere Kulturen, Sprachen und Überzeugungen ohne Angst und Verbote aufblühen; mit dem wir die alten Formen der Autonomie wieder aufgreifen, die uns in der Vergangenheit groß gemacht hatten; mit dem unsere Befähigung für die Kunst und die Schönheit gestärkt wird; mit dem wir die Ketten der Unterdrückung der Frauen sprengen und die Kinder und die jungen Generationen eine Zukunft haben.«
 
Fidel Castro  sagte 1992 bei der Einweihung eines Denkmalparkes an der Stelle, wo Ko­lumbus 500 Jahre zuvor zum ersten Mal seinen Fuß auf kubanisches Territorium setzte: »Wir werden nie akzeptieren können, dass man mit implizierter Missachtung von der ›Entdeckung‹ von Kulturen spricht, die in vielen Fällen schon eine glänzende Entwicklungsstufe erreicht hatten.Ich bin nicht dagegen, des 500. Jahrestages der Ankunft Christoph Kolumbus’ in Amerika zu gedenken, und viel weniger dagegen, die historische Transzendenz des Ereignisses anzuerkennen. Doch dieses Gedenken darf nicht zur simplen Verherrlichung der sogenannten ›Entdeckung‹ und ihrer Folgen werden, es sollte eine kritische Erinnerung an das Ereignis sein …«  
 
In diesem Sinne sollte sich jeder von uns hier fragen, ob nicht doch noch ganz weit hinten in unseren Köpfen unbewusst und unterschwellig etwas von diesem kolonialen Denken, von der Überlegenheit der weißen Rasse überlebt haben könnte, wenn wir von Entwicklungs»hilfe« sprechen und uns bemüßigt fühlen, den Lateinamerikanern aus unserem Wohlstand heraus, den wir uns unter anderem durch deren Übervorteilung leisten, gut gemeinte Ratschläge zu erteilen.
Gerhard Mertschenk, Berlin
 
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