Spuren der Oktoberrevolution heute in Lateinamerika - Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft

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Lateinamerika allgemein
Dr. rer. nat Winfried Hansch                                      Berlin, 07. Oktober. 2017

Spuren der Oktoberrevolution heute in Lateinamerika

Bildung der KP und die Komintern in Lateinamerika

In den 20ger Jahren bildeten sich in fast allen Ländern Lateinamerikas Kommunistische Parteien. Nach Lenin (Der Imperialismus als höchstes Stadium  des Kapitalismus. In Werke, Bd.22, S.263) handelte es sich bei den meisten Staaten Lateinamerikas  um relativ schwach entwickelte kapitalistische, vom Imperialismus abhängige Länder. Schon 1925 forderte Victoro Codovilla, KP Argentinien, in dem Artikel “Das imperialistische Joch und seine Folgen“
(in S.  Semjonow: Marxistisch-Leninistische der Probleme des antiimperialistischen Kampfes in Lateinamerika. In Nueva Epoca, 1969, H.3.) in Lateinamerika die Politik der „antiimperialistischen Einheitsfront der Arbeiter und Volksmassen“ anzuwenden.
- KP Argentinien , Januar 1918
- KP Brasilien, März 1922
- KP Chile, Januar 1922
- KP Mexiko 1919
- KP Uruguay September 1920.
Später:
- KP  El Salvador März 1930
- KP Kolumbien  Juli 1930
- Kp Venezuela Mai 1931
- KP Kubas, April 1961(1923 KP; ab 1944 PSP Sozialistische Volkspartei;
 Raul Castro war ab 1953 Mitglied der  PSP)

Von größter Bedeutung in dieser Etappe war das Büro der Komintern in Buenos Aires/ Montevideo, in dem von 1930 bis 1935 der deutsche Kommunist Arthur Ewert tätig war. Ewert ging 1934 in die Illegalität nach Brasilien(US-Bürger „Berger“) und war maßgeblich an der Vorbereitung des Aufstandes unter Führung von Luis Carlos Prestes beteiligt. Dieser war seit 1928 in Kontakt mit dem Marxismus und der KP. Der Aufstand vom 27.November 1935 gegen die Diktatur von Getulio Vargas scheiterte. Arthur Ewert, seine Ehefrau Elisabeth Saborowski und die Ehefrau von Prestes, Olga Benario wurden verhaftet.

Ein anderes fundamentales politisches Ereignis dieser Zeit war die Revolution oder Rebellion des Volkes in Nicaragua unter AUGUSTO CESAR SANDINO gegen die US – Besatzung von 1927 bis 1933, die mit dem Mord an SANDINO 1934 beantwortet wurde.

De Imperialismus ist immer gnadenlos gegen seine Gegner vorgegangen.


Revolutionen nach 1945 - Die blutige Antwort des Imperialismus

Betrachtet man  die Zeit vom  Ende des 2. Weltkrieges bis heute, zeigt sich, dass die Bekämpfung des sozialen Fortschrittes in Lateinamerika im Rahmen der Ost - West Auseinandersetzung Schauplatz blutiger nationaler Tragödien war. Die USA sicherten so die Herrschaft in ihren „Hinterhof“.

Seit dem Putsch von General Rojas Pinilla 1953 in Kolumbien und dem Sturz von Präsident Jacobo Arbenz 1954  in Guatemala haben in Lateinamerika über  
20 Militärputsche und ausländische Interventionen stattgefunden.

In einem Zeitraum von etwa 60 Jahren wurden durch diese Verbrechen gegen die Völker Lateinamerikas über eine Million Menschen getötet. Bürgerkriege und reaktionärer Staatsterror haben mehrere Millionen Lateinamerikaner zu Kriegsflüchtlingen gemacht oder ins Exil getrieben. An den Folgen dieser Putsche und Militärinterventionen leiden die Völker Lateinamerikas noch heute.  Denken wir daran, dass der seit 1953 in Kolumbien aktive Bürgerkrieg 500 000 Tote forderte und 6 500 000 Kriegsflüchtlinge bewirkte. Es ist nicht nur die Hoffnung der Menschen in Lateinamerika, dass  das Abkommen von 2017 zwischen der Guerilla – Bewegung FARC und der Regierung Kolumbiens zu einem gerechten und dauerhaften Frieden führt.
(siehe auch: Mitteilungen Kommunistischen Plattform, Heft 11,2014, S.15/16)

Die Putsch - Gefahr in Lateinamerika ist immer noch aktuell:
2008 Putschversuch Bolivien, 2009 Putsch Honduras, 2010 Putschversuch Ecuador, 2012 Putsch Paraguay, 12.02.2015 Putsch in Venezuela,
2016 „parlamentarischer“ Putsch gegen die Präsidentin Brasiliens, Dilma Rouseff.

Bei der Darstellung der Militärinterventionen und Putsche werden wiederholt Militärdiktaturen Lateinamerikas, die DDR und der Faschismus gleichgesetzt. Ganz gleich wer das so darstellt, bleibt es eine Verharmlosung und Verniedlichung des Faschismus, mit seinem Verbrechen wie dem 2. Weltkrieg und dem  Holocaust. Wer das so verharmlost und verniedlicht, fördert den Faschismus. Man darf es diesen Akteuren nicht weiter erlauben, auf diese Art faschistisches Denken zu fördern. (ganz gleich ob diese Knaben dann Hubertus heißen, oder anders)

Lateinamerika ist auf den ersten Blick ein Kontinent ohne sichtliche äußere Bedrohung durch andere Staaten. Jedoch existieren Konflikte wegen bestehender Kolonien und ungelöster Grenzstreitigkeiten, wie 1995 beim Konflikt Ecuador – Peru, Kriegshandlungen Kolumbiens und der CIA gegen die
Guerilla FARC auf dem Territorium von Ecuador im Jahre 2008, der Anspruch Argentiniens auf die Malwinen - Inseln, der Zugang Boliviens zum Meer und der  umstrittene Grenzverlauf im Golf von Fonseca in Mittelamerika. Notwendig ist es, diese Probleme durch Verhandlungen zu lösen.

Der Frieden wird dadurch bedroht, dass die Völker und Staate Lateinamerikas Opfer verdeckter und offener Einmischungen sind, mit denen versucht wird,  progressive Entwicklungen zu verhindern, wie zum Beispiel die Bedrohung und Blockade Kubas sowie die Einmischungen der Machtzentren der USA und Europas in innere Angelegenheiten Venezuelas, Boliviens, Ecuadors und Nikaraguas.

Die Stabilität in Lateinamerika wird weiterhin durch eine nicht endende Drogenkriminalität in Kolumbien sowie Mexiko und eine Überrüstung einiger Staaten gefährdet. Ein Beispiel dafür: Das Kampfpotential Chiles       (15 Millionen Einwohner) mit modernen  Panzern (206 Leopard 2) und modernen Kampfflugzeugen F 16 übertrifft das Kampfpotential Brasiliens mit einer Bevölkerung von 191 Millionen.

Wenn man  über Lateinamerika spricht, darf  man nicht versäumen, eine andere  Rolle zu nennen: Friedenssoldaten im Rahmen der UNO – Missionen aus Uruguay,  Argentinien, Brasilien und Chile waren und sind in Zypern, Ost – Timor und Haiti eingesetzt.

Lateinamerika ist in einer lebenswichtigen Frage Vorbild für den Weltfrieden. Seit 1968 besteht  in Lateinamerika  mit dem Vertrag von Tlatelolco.
Sie ist die einzige auf der Erde. Auch Kuba hat entsprechende Verträge ratifiziert.  Fast 50 Jahre „ATOMWAFFENFREIE ZONE“ in Lateinamerika zeigen der Welt, dass solche Zonen keine Utopie sind.

Heute leben in den 33 Staaten Lateinamerikas über 550 Millionen Menschen,
d .h ca. 6% der Weltbevölkerung. In den Letzten 20 Jahren hat sich das Lebensniveau vieler Millionen Latinos verbessert. Vor 10 Jahren, 2008 musste noch 40 % der Bevölkerung (über 200 Millionen Menschen) mit 2 Dollar am Tag auskommen. Programme wie „null Hunger“, Mindestlohn, Bildungsprogramme und Zugang zu medizinischer Versorgung, wirksame Kriminalitätsbekämpfung und Schaffung von Arbeitsplätzen haben seitdem zur Verbesserung der Lebensqualität in vielen Ländern Lateinamerikas beigetragen.
Aber erschütternde Daten aus heutiger Zeit belegen, dass noch in vielen Ländern Hunger und Armut herrscht. In Guatemala zeigt sich, dass die soziale Ungerechtigkeit, die vor 40 Jahren zum bewaffneten Aufstand der Indios führte, immer noch nicht beseitigt ist. 20 Jahre nach dem Friedensabkommen von 1996 zum Bürgerkrieg in Guatemala, der über 200 000 Tote forderte, wurden weder die Verbrechen des Krieges aufgeklärt, noch die vereinbarten sozialen Standards eingehalten. Nur 10% der Landarbeiter bekommen den gesetzlichen Mindestlohn von 7 Euro pro Tag. 60% der Landarbeiterinnen  erhalten weniger als 3,50 Euro pro Tag.

Revolutionen und Aufstände

Es hat bisher in Lateinamerika 4 Versuche gegeben, eine gesellschaftliche Alternative zu erreichen:
- CUBA, 1959
- CHILE, 1970 bis 1973: Militärputsch
- GRENADA, 1979 bis 1983: offene Militärintervention der USA
- NIKARAGUA, 1979 bis1990  (Der Verrat Gorbatschows beim Gipfeltreffen
  mit Ronald Reagan in Reikjavik im Oktober 1986 beförderte1990 die
   Niederlage der Sandinisten)

Fukuyama sagte 1990 das „Ende der Geschichte“ voraus. Er und andere Pseudo - Gelehrte verneinten damit künftig revolutionäre Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse. Das schloss nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers auch revolutionären Bewegungen in Lateinamerika ein.

Der Aufstand der Zapatisten in Chiapas 1994  (EZLN: Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional) bewies genau das Gegenteil. Revolutionen, bewaffnete oder unbewaffnete Aufstände, entstehen unabhängig von Vorhersagen von Wissenschaftlern des „Postkapitalismus“. Sie sind der Regel Ergebnis und Folge nationaler gesellschaftlicher Spannungen und gesellschaftlicher Widersprüche.

Im vergangenen Jahrhundert nannte man das Klassengegensätze.

Die Zapatisten nahmen den 1.1. 1994, dem Zeitpunkt des Inkrafttreten des Freihandelspaktes NAFT (Kanada, USA und Mexiko) zum Anlass, gegen eine vierfache Ausbeutung und Unterdrückung  aufzustehen. Mit nur 8 000 bewaffneten Männern und Frauen begannen die unterdrückten Indios unter SUB-Commandante MARCOS den Kampf  gegen Rassenunterdrückung, gegen die käufliche Provinzregierung, gegen die neoliberale Bundesregierung und die Projekte des US – Imperialismus. Es ging um Gerechtigkeit, gegen Hunger und Armut, um Gesundheitsfürsorge und Bildung. Die Zapatisten strebten nicht die Änderung der Machtverhältnisse an. Es war ein Aufstand der  Verzweifelten.

Die Entwicklung in Kolumbien zeigt, dass eine bewaffnete Revolution in der heutigen Zeit und unter heutigen Bedingungen nur geringe Siegeschancen hat. Siegreiche militärische Revolutionen wie in Kuba 1959 und Nikaragua 1979  entwickelten sich seinerzeit unter anderen inneren und äußeren gesellschaftlichen Bedingungen und wurden mit anderen militärischen Strategien und Taktiken errungen, die sich wesentlich von aktueller Kriegsführung unterschieden.

Die Veränderungen in Lateinamerika die zur heutigen politischen Landkarte führten, begannen in den 80-ger Jahren als Kampf gegen die Militärdiktaturen, gegen das ungebremste Wüten des Neoliberalismus  und wurden begünstigt durch das Versagen der traditionellen Eliten zum Beispiel in Argentinien 2001 (Que se vayan todos!), Bolivien, Ecuador oder Venezuela.

Linke und basisdemokratische  Bewegungen verstanden sich als Widerstand (Demokratie des Überlebens) Fast alle entstanden aus größter Not, wie
- Abwehr der Gewalt der Großgrundbesitzer (Landbesetzungen Brasilien),
- Hunger und Verelendung
- Wasser, Abwasser (Cochabamba 2000)
- Arbeitslosigkeit,(Fabrikbesetzungen in Argentinien 2002)
- Ausbeutung, Leiharbeit ( Aufstand der Kupfer- und der Landarbeiter, Chile)
- Rechtlosigkeit
- Kein Leben in Würde
- mangelhafte Schulbildung
-fehlende medizinische Grundversorgung

Dort wo sich Parteien auf diese sozialen Bewegungen stützten, erreichten sie  Wahlerfolge und gewannen auch manchmal mehrere Wahlen hintereinander. Einigend dafür war Ablehnung des Neoliberalismus, Armutsbekämpfung, Unrechtsbekämpfung und die Entwicklung einer partizipativen Demokratie.

Sozialen Bewegungen und linke Parteien fast aller Länder Lateinamerikas schlossen sich 1990 zum FORUM VON SAO PAULO zusammen. Über
20 Jahren erarbeitete das Forum politische Einschätzungen der Situation in Lateinamerika und entwickelte Konzepte für antikapitalistische Entwicklungen. Mit dem WELTSOZIALFORUM (WSF) erweiterte sich dieser Wirkungsraum. Die Partei DIE LINKE und die DKP haben an fast allen Beratungen des Forums von Sao Paulo teilgenommen. Das letzte Treffen. war in Managua im Juli 2017.

Die katholische Kirche, die in Lateinamerika mit etwa 350 Millionen weltweit die größte Glaubensgemeinde hat, unterstützt mit ihren Basisgemeinden viele soziale Bewegungen. Die Theologie der Befreiung (ERNESTO CARDENAL, FREI BETTO, LEONARDO BOFF) kritisierte vor 40 Jahren offen den Kapitalismus. Ob der neue Papst Franziskus die Kirche wieder zur Kirche der Armen macht oder nur versuchen wird, soziale Konflikte zu neutralisieren und die Kirche als Bollwerk in den Linksstaaten (Kuba, Venezuela, Ecuador, Bolivien) zu nutzen, bleibt abzuwarten.

Was ist heute links in Lateinamerika? Mit wem können wir uns solidarisieren?
Seit etwa der Jahrhundertwende könnte man 2 gesellschaftliche Phasen definieren:
-Ein Jahrzehnt der Wahlen und Wiederwahlen von Linksregierungen (Seit 1999 mit Hugo Chavez)
- Ein Jahrzehnt der Kämpfe gegen verstärkte Konterrevolution (nach den Putschen 2009 in Honduras, 2012 Paraguay, dem parlamentarischen Putsch 2016 in Brasilien und den Wahlsieg der Reaktion 2016 in Argentinien.

Es handelte sich bei den Siegen der Linken in der ersten Phase in jedem Land um eine Kombination von Ideologien, Parteien, sozialen, indigenen und anderen Bewegungen. Die Frente Amplio, die in Uruguay schon über 10 Jahre den Präsidenten stellt, umfasst 40 Parteien und sozialen Bewegungen, von denen die Kommunistische Partei Uruguays nicht die stärkste ist. Es wundert deshalb nicht, dass diese erfolgreiche Linke, die mit PEPE MUJICA einem früheren Guerilla der TUPAMAROS von 210 bis 2015 den Präsidenten stellt, von einigen „Linken“ als verbürgerlicht und als Verwalter des Kapitalismus bezeichnet wird.

Mit Albert Sterr ( RLS:“Lateinamerikas Linke XXI“, in: (Konterrevolution Februar 2006) kann man 3 Hauptströmungen benennen:
1. Sozialdemokratische und sozialistische Reformparteien, wie Partido de Trabajo Brasil, Sozialistische Partei Chile, Frente Amplio in Uruguays
2. National  - populäre Strömungen wie Kirchnerismus in Argentinien, oder den durch Putsch 2012 gestürzten Bischof Lugo in Paraguay
3. Antikapitalistische Bewegungen und Parteien, wie in Kuba, Chavez und Maduro in Venezuela, Morales in Bolivien und Correa in Ekuador. In diesen Ländern streben die politischen Akteure einen Systemwechsel an, der anti - kapitalistisch und anti - imperialistisch sein soll und eine solidarische Gesellschaft schaffen soll. Diese neue Linke gehört nicht der Sozialistischen Internationale ( SI ) an, sondern dem FORO von SAO Paulo.

Die Wähler in Lateinamerika sind nicht nach links gerückt, sondern wollten nicht mehr hungern. Deshalb wollten sie auch nach den Wahlen unmittelbare Resultate.Diese hohen Erwartungen schlagen beim Ausbleiben von Resultaten schnell in Ablehnung eines progressiven politischen Akteurs um und verhindern eine Wiederwahl. Diese Gefahr zeigt sich heute in Venezuela.

Ohne Verankerung dieser Bewegungen und der neu entstanden Parteien in der Gesellschaft wird es diesen progressiven politischen Kräften nicht gelingen,
auf längere Zeit erfolgreich zu bleiben. Um so mehr, da linke Regierungen mit konservativen Machtstrukturen leben müssen. Beispiele: Provinzregierungen in Bolivien und Bürgermeister von Caracas (Venezuela).

Gesellschaftlichen Veränderungen werden heute oft als Ergebnis der Mitwirkung von linken Parteien in den Regierungen erwartet.

Dazu ergibt sich eine Vielzahl von Fragen:
1. Kann eine Regierungsbeteiligung ein Mittel zum Übergang zu einer alternativen Gesellschaft sein? Hier darf man die Zielstellungen linker
Regierungen nicht mit den Ergebnissen der politischen und wirtschaftlichen Übergangsprozesse verwechseln. Bisher ist in keinem Land(außer Kuba) Lateinamerikas ein Prozess zum Übergang zum Sozialismus eingeleitet worden, auch nicht in Venezuela, obwohl vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ gesprochen wurde

2. Wie die Hegemonie des Kapitals einschränken und die Übertragung der Macht an die progressiven Kräfte sichern? Linke Regierungen in Venezuela, Ecuador, Bolivien und Nikaragua sind im Widerstand zum Neoliberalismus, sind anti – imperialistisch und anti – kapitalistisch, aber in allen Ländern gibt es kaum Veränderungen der  ökonomischen Struktur.   Die Wirtschaft, der Staatsapparat und die Medien werden zum Teil von konservativen Kräften beherrscht.

3. Die 4 genannten Länder versuchen, ein progressives Modell einer Entwicklung“ zu verwirklichen mit einer Stärkung der Rolle des Staates, einer größeren Partizipation der Bevölkerung („demokratische Revolution“ in Ecuador), verfassungsgebenden Prozessen, Realisierung sozialer Programme und Kapitalumlenkung für Maßnahmen in Bildung, Gesundheit und Wohnungen.

4. Es herrscht ein großes theoretisches Defizit in jedem Land bei der Analyse des Kapitalismus und zu alternativen Konzepten über „eine andere Welt ist
möglich“.

Insgesamt erwies es sich als entscheidend, ob mit akzeptablen Programmen eine Anbindung der Mitte an die Linke zu erreichen und nicht umgekehrt.

Gesellschaftlichen Veränderungen und Zustimmungen breiter Schichten der jeweiligen Bevölkerung Länder haben dazu geführt, das in Venezuela (2000), in Ecuador (2006) und in Bolivien (2007) nach verfassungsgebenden Versammlungen und Volksabstimmungen neue Verfassungen angenommen wurden, in den die Rolle der gesellschaftlichen Kräfte und das Wesen des Staates neu definiert wurden. Das Vorantreiben der realen Demokratie und die Rückeroberung der nationalen Souveränität waren entscheidende Seiten der gesellschaftlichen Prozesse.

Diese Länder leben nach den Konzepten des „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ in Venezuela, der „Revolution der Bürger“ in Ecuador oder des „Vivir bien“ (Würdiges Leben) in Bolivien. Besonders interessant ist das  Konzept des „Lebens in Würde im Sozialismus“ wie es vom Vizepräsidenten Boliviens, Alvaro Garcia Linera am 22. Januar 2015 bei der Vereidigung des Präsidenten Evo Morales vorgestellt wurde.). Es zeigt einen Weg in die Zukunft mit dem auch Marxisten einverstanden sein können.

Zunehmend wird die Zukunft Lateinamerikas durch Fortschritte im Prozess um die Unabhängigkeit und der Integration bestimmt. Dafür stehen drei Begriffe: UNASUR , CELAC und ALBA.

Die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR, 2004) soll eine Zone des Friedens werden, in der mit Souveränität der Völker die regionale Integration verstärkt werden soll. ( Simon Bolivar, Jose Marti, Chavez). Seit 8 Monaten im Streit zu Venezuela blockiert.

Die CELAC ( Comunidad de Estados Latinoamerikanos e Caribenos) wurde 2011 in Caracas gegründet. ( Alle 33 Staaten Lateinamerikas ohne USA und Kanada). Diese Organisation ist heute der Partner für den Dialog der EU mit Lateinamerika. Ein Indiz für die Veränderungen auf diesem Kontinent ist zum Beispiel das Auftreten neuer globaler Partner. Nicht mehr die USA, sondern China ist heute der größte Handelspartner Brasiliens. Die CELAC, die maßgeblich von Chavez vorgebracht wurde, trat 2015 in Brüssel noch sehr geschlossen auf. Heute bewirken die Spannungen über Haltung zur Entwicklung in Venezuela eine de facto Neutralisierung dieser Institution.

An vorderster Stelle der Integration steht die 2004 gegründete „Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerikas“ ALBA, mit 9 Mitgliedern (Kuba, Venezuela, Bolivien, Nikaragua, Dominica, Ecuador, St. Vincent und die Grenadinen sowie Antigua und Barbuda, SANTA LUCIA). Mit einer Bevölkerung von über 70 Millionen, d.h. 15 % der regionalen Bevölkerung ist  diese Allianz  eine Organisation mit dem Ziel, eine höhere und bessere politische Einheit zu erreichen.

ALBA:  2003   0,7 Milliarden Dollar;        2010   10  Milliarden Dollar
BANCOSUR: ALBA+ Brasil+ Argentinien+ Uruguay, Verrechnungseinheit

Wie sind diese strategisch bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen in Lateinamerika zu bewerten?
1. Die politischen Prozesse aus den letzten 20 Jahren (1998 Wahlsieg Chavez) haben gezeigt, Linke können erfolgreich regieren.
2. Mit neuen vom Volk getragenen Verfassungen wie in Venezuela, Ecuador und Bolivien können Gesellschaften verändert werden.
3. Starke soziale Bewegungen sind ein Machtfaktor linker Regierungen.
4. Mit Reformen sind erfolgreich die Armut verringert und Sozialprogramme realisiert worden. Mit dem Mindestlohn hat sich der Lohn in vielen Ländern als wichtiges Element der Verteilung des Reichtums bewährt.
5. Die Nationalisierung der Rohstoffe erwies sich als Basis für die Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme.
6. Mit den neuen Verfassungen wurde die Beteiligung der Massen an den politischen Prozessen erweitert und vertieft. Es wurde ein Mentalitätswechsel erreicht bei den Indios, den Frauen, den früheren Analphabeten. In Bolivien, Ecuador,  Nicaragua, Venezuela und Kuba sind mehr als 50% der Ämter in nationalen Institutionen mit Frauen besetzt.
7. Die linken Staaten widersetzten sich zum Teil dem Diktat der US – Administration, dem Internationalen Währungsfond, der EU und der Interamerikanischen Entwicklungsbank.
8. Es entwickelte sich eine eigenständige regionale Integration wie ALBA, BANCO del SUR, TELESUR, SELAC, UNASUR.

Aber:
8. Das Wirtschaftsmodell ist nicht verändert worden. Es fanden zu wenig revolutionären Prozesse statt. Linke Regierungen unterliegen Abnutzungserscheinungen( DESGASTE). In den neuen (alten) Verwaltungen gab es Inkompetenz, Korruption und Ausschluss der „Anderen“ (Ideologie, Rasse, soziale Schicht).
10. Insgesamt werden es linke Regierungen künftig schwerer haben, weil viele soziale Konflikte nicht mehr vorhanden sind, Hunger, Armut, Krankheit usw.
11. Die rechten Kräfte werden stärker. ( Brasilien, Argentinien)

Eine Hauptfrage, „Was bleibt, wenn linke Regierungen abgewählt werden“, kann heute nicht abschließend beantwortet werden.

Aber es bleiben 5 große Erfolge
1. Naturreichtümer wurden vielfach wieder in Besitz der Nationen zurückgeführt. Das führte zu einer Stärkung der Rolle des Staates
2.Hebung des Lebensniveaus unterer Volksschichten, wie „Null Hunger“,“Bolsa familiar“. Aber keine Verteilung von Eigentum von oben nach unten.
3. Politisch untätige und ausgeschlossene Menschen wurden politisch motiviert und mobilisiert. Neue Verfassungen  in Venezuela, Bolivien und Ecuador.
4. Regionale Integration wie UNASUR und CELAC verstärkten nationale Souveränität gegen Putsche und gegen Druck „Tio Sam“. Die Blockade gegen Kuba wurde durchbrochen
5.In CUBA, VENEZUELA, BOLIVIEN, ECUADOR und NIKARAGUA beschreitet man seit vielen  Jahren national unterschiedlich, aber strategisch gesehen Projekte anti - kapitalistischer und anti – imperialistischer Staatsordnungen. Der antikapitalistische Charakter des Integrationsprozesses hat das Ziel, eines Tages die Hegemonie des NATO – Imperialismus einzuengen und zu beenden.

Die aktuelle Kontraoffensive

Das bisher geschilderte löste eine Kontra - Offensive der Kernmacht des NATO – Imperialismus, der USA aus. Das zeigte sich besonders in:
- Reaktivierung der 4. US – Flotte mit Landungseinheiten und Atomwaffen.
- Stärkung der  der 2012 gegründeten Pazifischen Allianz (Chile, Peru Kolumbien, Panama und  Mexiko als Gegengewicht zu ALBA. Die Pazifische Allianz sieht sich auch selber als neue Rechte.
- offene Unterstützung der Dissidenten Kubas mit dem Ziel, das “CASTRO- REGIME“ zu liquidieren.
- Ausbau der 37 USA Militärbasen in ARUBA; CURAZAO, EL SALVADOR, GUATEMALA, HONDURAS; PUERTO RICO, PANAMA; KOLUMBIEN als VORGESCHOBENE OPERATIOSBASEN (FOL).
- Medienoffensive mit Berichten über angebliche Wahlfälschungen, Konfliktaufbauschungen, Lügen über die Linksregierungen.
- Finanzierung der der Regierungsgegner über USAID, NATIONAL ENDOWMENT FOR DEMOCRACIE, CIA selbst: „Wenn in CHILE die neue Präsidentin BACHELETT nicht mehr akzeptabel ist, suchen wir einen neuen Pinochet“.
- Neue Einbindung Kolumbiens in die globale Militärstrategie. In Kolumbien wurden über 13 000 Offiziere und Unteroffiziere aus 40 Ländern in der Aufstandsbekämpfung trainiert.
In Ländern Mittelamerikas wurde Umsturzexperten in der Funktion als US-Botschafter installiert: Honduras, EL SALVADOR, GUATEMALA, NICARAGUA.

 
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